Wienerisch aus Wiener Sicht

Herzlichen Dank an Daniela Pucher für den Blogwichtel aus dem Texttreff:

——————————————————————————————

Als ich vor vielen Jahren mit dem Zug von Florenz nach Wien fuhr, saß mir eine junge Italienerin gegenüber. Wir redeten über das Woher und das Wohin und über unsere Sprachkenntnisse. Ob ich als Österreicherin auch Deutsch könne, fragte sie mich. Ich stutzte. Na sicher! Mein Gegenüber war erstaunt. Die Österreicher klingen doch ganz anders als die Deutschen, meinte sie, viel weicher.

Man möge es ihr nachsehen, dass sie wohl die Ostösterreicher im Kontrast zu den Norddeutschen gemeint hat. Denn im Süden Deutschlands klingt es doch auch recht weich. Und Westösterreicher haben kein Problem mit harten Konsonanten, nein, gar nicht. Die bräuchten eigentlich mindestens drei K auf ihrer Tastatur und eine eigene Taste fürs „ck“. Ein Umstand, der auf einen Wiener eher befremdlich wirkt.

Wir Wiener wollen’s weich
Genau. Oder wie die Wienerin sagen würde: Mia Weana haum’s gean waaach. Und so wird sogar das „b“ eliminiert: „Haben es“ verschmilzt zu „haum’s“. Das „r“ in „gern“ ist uns auch ein Dorn im Auge, da nehmen wir lieber einen Vokal: gean.

Uns ist jeder harte Konsonant zu anstrengend. Viel zu viel Kraft braucht man da, um so eine Luftexplosion im Mund zustande zu bringen für ein P oder ein K oder ein T. Der deutsche Freund einer meiner Freundinnen hatte regelmäßig seinen Spaß, wenn wir mit dem Auto „danken“ fuhren. Und er kicherte auch, als ich einmal meinen Nachnamen buchstabierte: „Bucher mit hartem B am Anfang.“ J In Wien trinkt – nein, also: man „dringd“ lieber „Gaugau“ und selbst der Tee schmeckt besser, wenn er „Dee“ heißt.

Wobei ich schon einwenden muss: Ich höre einen Unterschied zwischen einem K und einem „harten G“, ganz ehrlich! Der „Gaugau“ wird einen Millimeter weiter hinten im Gaumen gesprochen als die Gans zum Beispiel. Und wir sind nicht bei jedem Wort so schlampig. Der Kaffee, unser Nationalgetränk, hat schon eher ein K am Anfang als ein G. Damit’s aber nicht zu hart wird (oiso, des geht jo goa ned!), lassen wir die zwei f (die im Norden so wichtig genommen werden) links liegen und zelebrieren das Doppel-e am Schluss: Kafeee.

Selbstlaute, besonders a und e
Womit wir bei der nächsten Eigenheit des Wienerischen sind. Wir mögen es, Vokale laaaaange auf der Zunge zu haben, weswegen unsere Sprache wohl etwas schleppend klingt. Mit einem norddeutschen Ghostwriter-Kollegen hatte ich einmal einen kurzen Austausch über unser Wort „fad“. „Langweilig“, so meinte er, würde nicht annähernd diesen Zustand wiedergeben, wie unser „faaaad“ es tut. Stimmt. Wenn mir fad ist, dann immer mit mindestens fünf a drin. Womit ich meine deutschen Kolleginnen auch immer wieder amüsieren kann: „Paaaasst scho‘!“, sag ich, wenn ich mit einer Sache zufrieden bin.

A und e, so scheint mir, haben bei uns einen besonders guten Stand. Vielleicht liegt’s daran, dass man bei diesen beiden Vokalen den Mund am wenigsten bewegen muss. Wir sind halt ein bissl mundfaul. Ein durchaus beliebtes e-Wort ist „geh“. Sehr praktisch, weil vielfältig verwendbar, besonders typisch aber so: „Na geeeeh!“, sagen wir, wenn wir mit einer Sache unzufrieden sind. In diesem „na geeeeh“ schwingt ganz viel von dem mit, wofür wir auch berühmt sind: das Raunzen, auf Wienerisch „des Raunzate“ (Betonung auf dem au). Auch ein bisschen was Raunzertes hat es, wenn wir jemanden „wegstampern“, also vertreiben wollen: Geeh weida doo!

Noch ein Indiz unserer Mundfaulheit: einfach weglassen
Also ich persönlich finde ja schon, dass wir’s auch kurz draufhaben, vor allem, wenn wir Buchstaben aus purer Bequemlichkeit verschlucken. Quasi als Ausgleich zu den langgezogenen Wörtern. „Ich habe gespielt“ ist immer ein „I hob gspüt“. Na, wenn das nicht kurz ist! Bei uns wird g’locht (gelacht, mit offenem o ausgesprochen) und g’reat (geweint, Betonung auf dem e und das a nur angedeutet), und weil zwei g hintereinander ein Zungenbrecher wären, wird gangan (gegangen, das erste a ist ein halbes o) und gessen (gegessen). Nein, die Vorsilbe „ge-“ hat in unserer Sprache keinen leichten Stand nicht.

Nein, nie nicht!
Diese doppelte Verneinung war jetzt kein Verschreiber. Auch das ist eine wienerische Marotte: „I hob ka Göd ned“, sagen wir mit betrübtem Blick ins leere Geldbörsel. Und während man im hohen Norden auf eine absurde Aufforderung entrüstet mit „Aber sicher nicht!“ antwortet, kommt den Wienern mitunter ein „Na, oba nia ned!“ über die Lippen. Und während ich beim Schreiben das jetzt probehalber laut ausspreche, wird mir klar: Kein Wunder, dass man uns des Nuschelns bezichtigt.

Herzig: das Zwutschgerl
Wenn ich nördlich des Weißwurstäquators den Mund aufmache, werde ich sehr oft angegrinst. „Ach, deine Sprache ist so herzig!“ Herzig? Also … bitte berichtigen Sie mich, wenn ich irre: Das muss in erster Linie an unserer Endsilbe „-erl“ liegen. Stimmt‘s? Ein kleines Mädchen ist ein Mäderl oder ein Menscherl, ein kleiner Junge ein Buberl. Meine To-do-Liste erhält ein Hakerl, wenn ich etwas erledigt habe (nicht vergessen, das k wie ein hartes g auszusprechen!). Eine Kaffeetasse ist ein Häferl und ich treffe mich gern abends auf ein Glaserl Wein beim Heurigen. Ja, wenn wir etwas zwutschkerlmäßig kleinmachen, dann hat das ein bisserl was Liebevolles, gell? Da wirkt es auch gar nicht so bös, wenn wir jemanden häkerln, also pflanzen, also foppen – oder wie sagen Sie dazu?

Pfiat Ihna! *

Daniela Pucher

* Als Gegenstück zu „Griaß Ihna“ ein Abschiedsgruß, der sich aus „behüten Sie sich“ entwickelt hat.

Zur Autorin: Mag. Daniela Pucher ist Autorenberaterin, Schreibcoach und Ghostwriter für Wirtschaft und Psychologie. Sie lebt und arbeitet in Wien. www.daniela-pucher.at

Regel 10: Gier ist unendlich

Es weihnachtet wieder – und es ist Zeit für den Adventskalender.
Nach einem turbulenten Jahr habe ich mich entschieden, meinen Beruf einmal von der heiteren Seite zu betrachten – und bediene mich dazu der Erwerbsregeln der Ferengi aus den Star-Trek-Serien (Raumschiff Enterprise), den Rules of Acquisition. Ich wünsche in den kommenden Tagen bis Weihnachten viele vergnügliche Lesestunden.

Regel 10: Gier ist unendlich

Seit Wochen warte ich auf die Zahlung eines englischen Kunden. Prima, denke ich, das Geld generiert auf seinem Konto Zinsen, nicht auf meinem. das wussten schon die Ferengi aus Star trek: Gier ist unendlich.
Auf Kosten anderer, versteht sich.
Und ich übersetze ja auch nur, weil es mir Freude macht. Geld, wer braucht das schon? Es ist im Grunde vollkommen überbewertet.
Aber wenn das Geld dieses Kunden endlich eintrifft, mutiere ich selbst zum Ferengi und denke an Regel 1: Hast Du erst ihr Geld, gib es nie zurück.

Und da ich ja Übersetzerin bin, habe ich hier die englische Übersetzung – und die sogar gratis:
Once you have their money, never give it back.

37. Türchen: Dreikönigstag

Heute ist er da der große Geschenketag in Spanien!

Nachdem die Kinder gestern nach den Dreikönigsumzügen früh ins Bett gegangen waren, finden sie heute ihre Geschenke vor, auf die sie fast 2 Wochen länger warten mussten als die Kinder u.a. in Nord- und Mitteleuropa. Außer die Kinder waren nicht lieb. Dann bekommen sie ein Stück Kohle (meist ein schwarz eingefärbtes Stück Zucker) geschenkt, das in etwa die gleiche Bedeutung hat wie hierzulande die Rute. (Die Kohle kennen wir ja bereits u.a. Olentzero.)

Außerdem kommen heute die Heiligen drei Könige – in lutherischen Gegend die Weisen aus dem Morgenland – an der Krippe an. Das bedeutet, dass die Krippen um die Heiligen drei Könige ergänzt werden. Ihr Auftauchen wird mit dem Erscheinen Jesu gleichgesetzt, weshalb der 6. Januar auch als Epiphanias (Griech. für „Erscheinung“) bezeichnet wird. In Spanien wird diesem Tag eine große Bedeutung beigemessen, weshalb auch heute ein offizieller Feiertag ist und die Geschäfte geschlossen bleiben.

Auch in Spanien gibt es die Tradition eines Dreikönigskuchens, dem Roscón de Reyes (und in Katalonien Tortell de Reis, Königskuchen). Es handelt sich dabei um einen ringförmigen Kuchen aus süßem Hefeteig, der meist mit kandidierten Früchten belegt es. Es gibt den Kuchen ohne Füllung oder mit Sahne-, Marzipan- oder Trüffelfüllung.
In den vergangenen Jahren ist in Spanien auch der Brauch des Bohnenkönigs wieder lebendiger geworden. Wer im Dreikönigskuchen eine Bohne findet, muss den Kuchen für alle anderen bezahlen. Wer dagegen Glück hat und ein Porzellanfigürchen findet, ist für einen Tag Königin bzw. König der Familie. Man nimmt an, dass diese Tradition ursprünglich auf die römischen Saturnalien zurückgeht. Dies ist allerdings nicht sicher, da zwischen der letzten Erwähnung der Saturnalien im 5. Jahrhundert bis zur ersten Erwähnung des Bohnenkönigs im 13. Jahrhundert immerhin 800 Jahre vergangen sind.

Nun ist auch in Spanien die Weihnachtszeit vorbei und beginnt frühestens in zehneinhalb Monaten, Anfang Dezember wieder. Bis dahin möchte auch ich mich verabschieden und bedanke mich bei allen Lesern, die sich über diesen verlängerten Adventskalender gefreut haben. Im Dezember geht es mit einem neuen Adventskalender weiter – und bis dahin werde ich wieder zu Übersetzungsthemen zurückkehren. Ich hoffe, dass Ihnen/Euch diese genauso gefallen.

Bis bald!

 

36. Türchen: Dreikönigsumzüge

Morgen ist Dreikönigstag. Daher finden heute in Spanien wieder die traditionellen Dreikönigsumzüge statt – wie übrigens in Tschechien, Polen und Teilen Mexikos auch.

In Spanien sind es echte Umzüge mit Wagen mit Figuren und verkleideten Menschen, bei denen die Ankunft der Heiligen drei Könige gefeiert wird. Sie bringen die Geschenke mit, welche die Kinder schließlich am 6. Januar endlich auspacken dürfen. Damit sie dafür fit sind, sollen die Kinder am 5. Januar, nach den Umzügen, früh ins Bett gehen, um sich dann am nächsten Tag an ihren Geschenken erfreuen zu können.
Am Ende der meisten Umzüge stehen große Feste mit Gesang, Musik und Essen auf dem Hauptplatz jeder Ortschaft, in der es Umzüge gibt. Wie bei so vielen Festen in Spanien ist auch dies ein von den Einwohnern gemeinsam gefeiertes Fest.

Begonnen hat die Tradition dieser Umzüge im Jahr 1866 in Alcoy (Provinz Alicante) an der Costa Blanca. Die Stadt ist eine der ältesten Industriestädte Spanien und für ihr Fest der Christen und Mauren im April jeden Jahres bekannt. Daher spielen bei jedem Dreikönigsumzug auch die Mauren eine größere Rolle, denn als Mauren verkleidete Darsteller ziehen vor dem eigentlichen Umzug in die Stadt ein und verkündigen mit ihren Trommeln die Ankunft der Könige.

Einen ähnlich historischen Charakter hat der Dreikönigsumzug in Higuera de la Sierra (Provinz Huelva).Hier fahren die drei Könige auf herrschaftlich geschmückten Wagen ein und ihnen folgenden Wagen, auf denen Szenen rund um das Geschehen in Bethlehem gespielt werden. Im selben Ort steht auch ein Denkmal für die Heiligen drei Könige, in Ibi (Provinz Alicante) ein weiteres. Es sind die einzigen beiden in ganz Spanien.

Je nachdem, wo man sich gerade in Spanien aufhält, bedienen sich die Könige anderer Verkehrsmittel. Auf den Kanaren etwa kommen sie auf Dromedaren, an der andalusischen Küste gerne einmal per Schiff, in den um diese Jahreszeit meist tief verschneiten Pyrenäen oder auch in der andalusischen Sierra Nevada auf Skier. In der katalanischen Stadt Lleida laufen sie sogar per Dampflok ein.

Eines ist klar, egal wo man sich am 5. Januar in Spanien aufhält, irgendwo wird man den Heiligen drei Königen immer begegnen.

Bis morgen!

35. Türchen: Die Weisen aus dem Morgenland

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: ‚Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.‘“ (Mt. 2)

So beginnt die biblische Geschichte zu den drei heiligen Königen in der Bibel, im 2. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Sie sind der Grund, warum es in Spanien traditionell erst am 6. Januar Geschenke gibt. Es wird gesagt, sie seien am 24. Dezember, am Geburtstag Jesu, losgezogen und wären schließlich am 6. Januar angekommen, um ihre Geschenke zu überbringen.

Um die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag zu überbrücken, insbesondere für die Kinder, nehmen viele Spanier wieder die für die spanische Adventszeit so wichtige Krippe zur Hilfe. Die in den Krippen ebenfalls dargestellten heiligen drei Könige, werden ab dem 24. Dezember jeden Tag ein Stück näher an die Krippe gerückt, bis sie sie am 6. Januar schließlich erreicht haben. Dadurch wird der Weg der Könige spielerisch nachgezeichnet und zudem die Zeit bis zu den Geschenken verkürzt.

Doch dieses heranrücken hat auch eine christlich-religiöse Bedeutung, denn der 6. Januar gilt auch als Epiphanias, als Erscheinen Jesu, woran die Heiligen drei Könige oder Weisen aus dem Morgenland ihren Anteil hatten. Denn sie sind die ersten „Ausländer“, welche das Jesuskind sehen und als christlichern Retter anerkennen – siehe das Zitat am Anfang dieses Beitrags.

Übrigens: Im ursprünglich griechischen Text des Matthäus-Evangeliums werden die heiligen drei Könige als Μάγοι, Magoi (wörtlich „Magier“) bezeichnet. Die „Könige“ sind Teil einer Legende, die ab dem 3. Jahrhundert verebietet wurde. Zu den „Weisen aus dem Morgenland“ wurden sie erst durch Martin Luther, weil er die „Könige“ nicht in der Bibel fand und daher die magoi als „Weise“ interpretierte.

Bis morgen!

34. Türchen: Weihnachten Kurz-Revival

Weihnachten und Silvester sind schnell vorüber gegangen, das neue Jahr ist bereits da. Und doch ist bisher nicht genug Zeit geblieben, über kleinere, regionale Besonderheiten des Weihnachtsfests in Spanien zu schreiben. Das soll heute nachgeholt werden.

Der Anguleru

Nachdem der Apalpador aus Galicien, der Olentzero aus dem Baskenland bzw. Navarra sowie der Esteru aus Kantabrien bereits vorgestellt wurden, reisen wir heute zunächst nach Asturien. Dort kommt am heiligen Abend der Anguleru, auf Asturisch L’Anguleru und auf Spanisch El Angulero. Dem asturischen Volksglauben nach lebt der Anguleru in der Sargassosee in der Nähe Amerikas und kommt jede Weihnachten, um den Kindern Geschenke zu bringen.

Sein Ursprung liegt wahrscheinlich in der Aalfischerei. Die Aalfischer, die anguleros, setzten zu Weihnachten einen Teil ihres Gewinns ein, um den Kindern Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Daher ist der Anguleru derjenige, der die Geschenke „angelt“ und sie unter den Kindern verteilt, denn um das Weihnachtsfest herum ist die Zeit, zu der es am meisten Aale gibt.

Der Tientapanzas

Wir reisen weiter nach Andalusien, genauer gesagt in die Stadt Écija am Río Genil zwischen den beiden andalusischen Metropolen Córdoba und Sevilla in der Provinz Sevilla. Dieser Teil Spanien wird auch als Bratpfanne Andalusiens bezeichnet. Hier in Écija kommt zu Weihnachten der Tientapanzas. 2004 kam er, nachdem er jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war, wieder zurück. Die älteren Mitbürger, die sich noch an den Brauch älterer Zeiten erinnern, erzählen den Kindern vom Tientapanzas, um sie zum Essen zu bewegen. Denn der Tientapanzas kommt zu Weihnachten und streicht den Kindern während des Schlafens über den Bauch, um zu überprüfen, ob sie das Jahr über auch gut gegessen haben. Daher kommt auch Name, denn Span. tentar bedeutet auf Deutsch „ab-, betasten“ und panza heißt „Bauch, Wanst“ (im zoologischen Sinne auch Pansen).

Wer diesen Blog schon länger liest, dem wird aufgefallen sein, dass von einem ähnlichen Brauch bereits die Rede war, nämlich vom Apalpador in Galicien, also am anderen Ende des Landes. Wie kommt das? Dazu müssen wir ein paar Jahrhunderte zurückgehen, als die Region um Écija nach der sogenannten Rückeroberung von den Mauren neu mit Christen besiedelt wurde. Diese Christen kamen vorwiegend aus dem Norden des Landes, sodass sie wahrscheinlich den Brauch des Apalpador mit in die neue Heimat genommen haben. Auf diese Weise könnte der Apalpador zum Tientapanzas geworden sein.

Ich hoffe, der kleine Ausflug hat gefallen.

Bis morgen!

 

33. Türchen: Churros

Die Silvesternacht liegt hinter uns, der Neujahrstag ist vorüber, aber Churros werden das ganze Jahr über gerne gegessen.

Churros (sprich: [‚tʃuro]) ist ein typisch spanisches, in Öl frittiertes Spritzgebäck, das gerne morgens früh oder in der Nacht auf dem Nachhauseweg verzehrt wird. Sie sind außen kross gebacken, dafür innen sehr zart, allerdings sehr fettreich. Normalerweise werden sie mit Zucker bestreut, es gibt aber auch die Varianten mit Zimt oder Vanillezucker. Verzehrt werden Churros gerne zusammen mit Trinkschokolade, in die sie eingetunkt und danach gegessen werden. Das nennt sich Chocolate con churros, Schokolade mit Churros. Statt Schokolade wird auch manchmal Kaffee genommen, was dann Café con churros heißt.

Dieses Gebäck wird auf vielen öffentlichen Plätzen sowie Märkten und Hauptstraße in ganz Spanien an Ständen verkauft, den sogenannten Churrerías. Hier werden die Churros stückweise angeboten, meistens zu 5, 10 oder 20 Stück pro Tüte. Im Sommer bieten einige Churrerías auch kleine Tischchen an, sodass die Gäste die Chocolate con churros direkt im Freien genießen können. Churros stehen gerne auch auf Speisekarten von Cafés und Restaurants.

Die Tradition als der Churros als Frühstück stammt aus Madrid und entstand irgendwann am Ende des 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da ist sich die Forschung bis heute nicht ganz sicher. Sicher ist aber, dass Churros gerne sehr früh am Morgen eingenommen werden – vermutlich ist es deswegen bei späten Heimkehrern von Partys so beliebt, denn Churrerías oder Lokale, die Churros anbieten, öffnen oft schon um fünf oder sechs Uhr morgens.

Von Madrid aus eroberten die Churros bald das ganze Land, wohl auch, weil sie als günstig galten. So ist auch zu erklären, warum dieses Gebäck mittlerweile in ganz Spanien verbreitet und beliebt ist. Es ist so beliebt, dass es für am Neujahrstag als traditionelles Frühstück gilt – auch hier wieder der Hinweis auf heimkehrende Partygänger. Gerade die Variante mit Schokolade wird an Neujahr gerne und viel in spanischen Haushalten gegessen und ist daher für diesen Tag besonders typisch, auch wenn es das ganze Jahr über erhältlich ist.

Außer in Spanien ist eine Art Churros auch in Lateinamerika, Frankreich, der Türkei, Marokko und im Südwesten der USA bekannt.

Wer Appetit bekommen hat, Churros können auch selbst zubereitet werden, hier gibt es 13 Rezepte.

Bis morgen!

32. Türchen: Das Fest der Messdiener

Os deseo un próspero año nuevo. Ich wünsche Euch/Ihnen ein frohes neues Jahr.

Kaum ist das neue Jahr angebrochen, schon geht es in Spanien mit den Festen weiter. Dieses Mal heißt es Fiesta de los Locos, das Fest der Verrückten, das heute allerdings nicht mehr gefeiert wird. Da das Fest auf den 1. Januar fiel, heißt es auch Fiesta de las Calendas (Fest der Kalenden), denn die Kalenden fallen immer auf den ersten Tag des Monats. An diesem Tag „revoltierte“ der Klerus und macht sich während der Liturgie zum Narren. Es handelte sich dabei allerdings um das sogenannte geistliche Spiel, einer Form, der europäischen mittelalterlichen Theaters. Dieses geistliche Drama, das auf Spanisch drama litúrgico heißt, war ursprünglich Bestandteil der christlichen Liturgie und breitete sich ab dem 10. Jahrhundert von Nordfrankreich über den ganzen Kontinent aus. Es diente seit dem Hochmittelalter zur Heilsverkündigung auf dramatische Art und Weise.

Bereits im 12. Jahrhundert gab es Versuche, diesen Brauch zu unterbinden, zunächst jedoch ohne Erfolg. Erst im 14. Jahrhundert, der Blütezeit des geistlichen Spiels, schaffte die Kirche es, diese Spiele aus der Kirche zu entfernen und auf nicht-kirchlichen Plätzen aufführen zu lassen. Mit dem Aufkommen der humanistischen Renaissance-Kultur zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die wieder römische und griechische dramen in den Vordergrund stellte, erlebte das geistliche Spiel seinen Niedergang.

Seine Blüte hatte es in der spanischen Literatur allerdings noch vor sich, denn erst im Siglo de Oro (16. und 17. Jahrhundert) mit Autoren wie Lope de Vega, Tirso de Molina und Pedro Calderón de la Barca wurde es bekannt und beliebt. Seine wichtigste Form war das Auto sacramental, eine typische spanische des religiösen Theaters.

Heute wird in kirchlichen Kreisen der Beschneidung Jesu am 8. Tag nach seiner Geburt (Weihnachten) gedacht, weshalb der Tag auch vielerorts als Oktavtag bezeichnet und gleichzeitig auch Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert wird.

Bis morgen!

 

31. Türchen: Silvester

Im Jahr 1988 brachte die spanische Popgruppe Mecano ein Lied zum Thema Silvester heraus: Un año más (mit spanischem Text). Dieses Lied behandelt u.a. einen spanischen Silvesterbrauch, den der Weintrauben. Wenn in der Silvesternacht die Glocken läuten, wird zu jedem Glockenschlag eine Weintraube in den Mund gesteckt und sich etwas gewünscht. Das soll Glück für das folgende Jahr bringen. Wer es nicht schafft, dem erwartet das Jahr über Unglück.
Der Brauch geht angeblich auf das Jahr 1909 zurück, als die Traubenernte in Spanien sehr üppig ausgefallen war. Nun saß man auf einem riesigen Berg Trauben und kam auf die Idee, diesen mit dem Traubenverzehr zu Silvester – auf Spanisch Nochevieja – abzubauen. Heute werden übrigens eigens für Silvester die sogenannten „Glückstrauben“, die uvas de la suerte, in Gewächshäusern angebaut, deren Säuregehalt wegen der fehlenden Sonne recht hoch ist.

Bis es aber Mitternacht wird, passiert so einiges in Spanien. Am 31. Dezember wird – wieder einmal – mit einem großen Essen gefeiert. Auch Silvester ist in Spanien ein Familientag, der gemeinsam verbracht wird. Es ist ein Tag der Freude und des Vergnügens. Nach dem Essen geht es hinaus auf einen Platz, an dem auch eine Uhr hängt, um mit den Nachbarn zusammen auf Mitternacht zu warten. Der berühmteste Platz ist die Puerta del Sol (deutsch: „Tor der Sonne“) in Madrid. Abgesehen davon, dass sich hier Null-Kilometerstein der sechs Hauptnationalstraßen Spaniens, die sich sternförmig von Madrid aus über das gesamte spanische Festland erstrecken, befindet, gibt es einen ein Uhrturm am Rathaus, der traditionell in der Silvesternacht jedes Jahres mit 12 Glockenschlägen das neue Jahr einläutet. Er wird daher an jedem 31. Dezember im spanischen Fernsehen live übertragen.

Nach dem Verzehr der Weintrauben knallen schließlich die Korken, natürlichen mit spanischem Cava. Wer übrigens einen goldenen Ring in sein Sektglas wirft, soll ebenfalls Glück haben im neuen Jahr. Die Spanier beginnen eine feucht-fröhliche Nacht mit Musik, Tanz und Gesang – entweder weiter auf öffentlichen Plätzen oder in Bars, Diskotheken oder Restaurants. Wer kann, verbringt den Jahreswechsel nicht zu Hause, es sein denn, dort ist eine große Party mit Familie und Freunden angesagt.

Silversterraketen sind erst in den letzten Jahrzehnten populärer geworden. In Barcelona etwa gibt es kaum Raketen, die auf Spanisch petardos heißen, im Stadtgebiet. Dafür wird auf dem Tibidabo, dem Hausberg Barcelonas, ein großes Feuerwerk abgebrannt.

Zum Schluss noch eine Tradition, die insbesondere die Spanierinnen betrifft: Sie tragen zum Jahreswechsel rote Unterwäsche und Dessous, die sie aber geschenkt bekommen haben müssen, damit sich das Liesbesglück im Jahr darauf auch erfüllt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Bis morgen! Und natürlich un próspero año nuevo, ein gutes neues Jahr!

30. Türchen: Fiesta de la Coretta

Weihnachten ist vorüber und während viele spanische Kinder auf die Reyes Magos (= Heilige drei Könige) warten, wird die Zeit bis zum 6. Januar nicht nur mit Silvester, sondern in Spanien auch mit der Fiesta de la Coretta überbrückt.
Dieses Fest findet zwischen dem 30. Dezember und dem 1. Januar statt. Während dieses Zeitraums wird Brennholz gesammelt und eine Kiefer gefällt. Diese wird geschmückt, durch das Dorf getragen und anschließend gesegnet.

Woher dieser Brauch stammt, ist nicht ganz klar. Es könnte sein, dass er keltischen Ursprungs ist, da Holz für die keltische Kultur eine große Rolle spielte. Das bezog sich nicht nur auf Baumaterial, sondern auch auf geistige Traditionen, denn nach keltischer Auffassung zeigte sich der Geist der Bäume im Rauch des Feuers, auch wenn der heilige Baum der Kelten die Eiche war. So ist es möglich, dass der ursprünglich keltische Brauch mit in die neue Zeit genommen und in christliche Bräuche integriert wurde. Immerhin war der Norden Spaniens lange von Kelten besiedelt. Hinzu kommt, dass in der Zeit der Wintersonnenwende (um den 21. Dezember herum) Feuer eine große Rolle spielt. So kann es sein, dass der Brauch des Brennholzes mit den Feuern der Wintersonnenwende zusammenhängt. Dies sind alles Theorien. Vielleicht werden sie ja eines Tages bewiesen oder verworfen.

Bis morgen!

Copyright © 2017. Powered by WordPress & Romangie Theme.