Wie wichtig ist Recherche für eine gute Übersetzung?

Blogwichteln im TexttreffBlogwichtel-Beitrag von Alice Scheerer aus dem Netzwerk Texttreff, herzlichen Dank dafür!

Informationsspezialisten und Übersetzer haben vieles gemeinsam. Die Begeisterung für Geschichten und Geschichte des Informationsspezialisten geht einher mit einer Begeisterung für Sprache, wenn es auch nur die eigene Muttersprache ist. Nicht ohne Grund war der Sprachapostel Bastian Sick vor seiner Karriere jahrelang Dokumentationsjournalist.
Auch in der Fremdwahrnehmung von Informationsspezialisten und Übersetzern finden sich Parallelen. Die plakativste: Beide sind angeblich durch Google-Services ersetzbar.

Was viele nicht wissen: Auch Übersetzer müssen recherchieren. Und genau wie die Informationsspezialisten brauchen Übersetzer ein kontrolliertes Vokabular, um ihre Kunden zügig und ohne Nachbesserungen bedienen zu können.

Übersetzer brauchen ein kontrolliertes Vokabular

Was um Himmels Willen ist kontrolliertes Vokabular, fragen Sie sich? Je nach Toleranz für Fachbegriffe bzw. dürfen Sie sich eine Antwort aussuchen:

Antwort 1: Ein kontrolliertes Vokabular ist eine Sammlung von Bezeichnungen (Wortschatz), die eindeutig Begriffen zugeordnet sind, so dass keine Homonyme auftreten. In vielen Fällen gilt auch die umgekehrte Richtung (jeder Begriff hat nur eine oder eine präferierte Benennung, d.h. es gibt keine Synonyme). Quelle: Kontrolliertes Vokabular bei Wikipedia abgerufen am 15.12.2013.

Antwort 2: Ein kontrolliertes Vokabular bildet einen Wortschatz ab. Das kann ein Fachwortschatz sein, wie die Verwaltungssprache, ein Jargon wie der EDV-Jargon, in dem ‚händisch‘ statt ‚manuell‘ gearbeitet wird, oder die Corporate Language die Unternehme in ihren Pressemeldungen und auf der Unternehmenswebsite verwenden. Der Umfang eines kontrollierten Vokabulars hängt vom Anwendungszweck ab. Wer keine großen Dokumenten erschließen muss, braucht keinen kompletten Thesaurus. Für die meisten Zwecke reicht ein Glossar mit den Wörtern, die in der Umgangssprache nicht verwendet werden oder dort eine andere Bedeutung haben.

Dem Informationsspezialisten (engl. Information Professional) hilft das kontrollierte Vokabular bei der inhaltlichen Erschließung von Dokumenten, bei der Verschlagwortung von Datenbankeinträgen und bei der Recherche in nicht volltextindexierten Datenbanken.

Dem Übersetzer hilft ein kontrolliertes Vokabular, den Ursprungstext nicht nur in die Zielsprache, sondern auch in den Zielsprachstil zu übersetzen. Dem Unternehmensglossar kann er z.B. entnehmen, dass sein Kunde das bereits erwähnte „händisch“ an Stelle von „manuell“ verwendet, oder gezielt den Begriff „Verfahren“ an Stelle von „Technologie“. Ein schriftlich fixiertes kontrolliertes Vokabular vermeidet kostspielige und für Kunden und Übersetzer ärgerliche Korrekturschleifen.

Übersetzer müssen recherchieren

Informationsspezialisten recherchieren, zumeist online, aber auch offline in Bibliotheken und Archiven. Was Sie vielleicht nicht wissen: Das Recherchieren gehört auch zum Alltag professioneller Übersetzer (Quelle: Übersetzerportal UEPO, abgerufen am 16.12.2013).

Auch beim Erfinden innovativer Produktbezeichnungen sollten Übersetzer oder Informationsspezialisten ins Boot geholt werden. Prominente Beispiele für das Sparen an Recherchezeit sind Modellbezeichnungen wie Pajero (in Spanien ein sehr rüder Begriff), Ferrari Reventon (spanisch: Ferrari Reifenschaden ) und Audi E-Tron (in Frankreich: Audi Kot). Mit der vergleichsweise geringen Investition in eine Recherche hätten die Automobilproduzenten hohe Kosten für doppelte Werbung und PR-Arbeit einsparen können (Quelle: Auto-Motor-Sport, abgerufen am 16.12.2013).

Ein zweiter Grund für eine Recherche ist der bereits erwähnte Sprachstil. Passt der übersetzte Begriff wirklich zum Kontext? Gibt es Alternativen, um Wortwiederholungen zu umschiffen? Hat der Übersetzer kein kontrolliertes Vokabular und keine Vergleichsdokumente zur Hand, so muss er sich eigenständig welche suchen. Im Zweifelsfall erwischt er einen Text der Konkurrenz und verwendet, zum Schrecken des PR-Verantwortlichen, deren Corporate Language. Noch ein Grund, den Übersetzer von Anfang an mit dem richtigen Wortschatz zu versorgen.

Geht es ums Übersetzen älterer Texte, so treffen sich Informationsspezialist und Übersetzer bisweilen im Archiv. Längst ausgemusterte Wörterbücher werden plötzlich wieder wichtig. Denn nur sie enthalten Hinweise auf Bedeutungsverschiebungen mit denen sich krude anmutende Sätze nachvollziehen lassen.

Und umgekehrt?

Wenn Übersetzer recherchieren und ein kontrolliertes Vokabular brauchen, müssen Informationsspezialisten dann auch übersetzen?

In den meisten Fällen ist es sinnvoll, sich bei der Recherche nicht auf den eigenen Sprachraum zu beschränken. Die Kenntnis der Fachtermini in verschiedenen Sprachen ist nicht nur bei der Suche nach Dokumenten unabdingbar, sondern auch, um deren Relevanz einzuschätzen.

Einen Übersetzer kann der Informationsspezialist jedoch keinesfalls ersetzen, da das grobe Verständnis eines Fachtextes nicht ausreicht, um ihn stilsicher in eine andere Sprache zu übertragen.

Das Glossar

Corporate Language: Der Begriff Corporate Language bezeichnet eine einheitliche Sprache, die auf die Corporate Identity und die Corporate Behavior eines Unternehmens zugeschnitten ist. Sie soll die Wahrnehmung des Unternehmens von innen und nach außen, das Corporate Image, unterstützen (vgl. Gablers Wirtschaftslexikon.).

Dolmetscher: Ein Dolmetscher ist ein Sprachmittler, der – im Gegensatz zum Übersetzer – gesprochenen Text mündlich oder mittels Gebärdensprache von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache überträgt. Dolmetscher ist eines der wenigen ungarischen Lehnwörter im Deutschen (tolmács). Das Ungarische selbst hat das Wort aus dem Türkischen entlehnt (dilmaç, heute jedoch tercüman) (Quelle: Wikipedia über den Dolmetscher).

Fachübersetzer: Fachübersetzer übersetzen eine oder mehrere Textsorten bestimmter Fachgebiete in bestimmten Sprachen, z.B. im Handels- oder Finanzwesen, in der Medizin oder Pharmakologie, in einem technischen Bereich oder im Rechtswesen. Fachübersetzungen machen den mit Abstand größten Anteil des Übersetzungsmarktes aus ( Quelle: Wikipedia über den Übersetzer).

Informationsspezialist, Information Professional: Der Oberbegriff Information Professional umfasst unter anderem Dokumentare, Informationswirte, Dokumentationsjournalisten, Information Broker, Rechercheure, Archivare, Bibliothekare. Die Aufgaben von Information Professionals bestehen darin, Informationen zu beschaffen, diese zu veröffentlichen und zu verwalten. Abhängig vom beruflichen Umfeld und der jeweiligen Ausbildung gehört auch das Bereitstellen von Diensten und Werkzeugen, die diesen Zweck erfüllen, zu ihren Aufgaben. Die Auffassung, Pressesprecher gehörten zu den Information Professionals, die im Wikipedia-Eintrag des Begriffs vertreten wird, ist umstritten (vgl. Wikipedia über den Information Professional).

Übersetzer: Ein Übersetzer ist ein Sprachmittler, der – im Gegensatz zum Dolmetscher– fixierten (in der Regel schriftlichen) Text von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache übersetzt. Übersetzer und Dolmetscher müssen nicht nur die jeweiligen Fremdsprachen sehr gut beherrschen, sondern auch Kultur und Geschichte der betreffenden Länder kennen und verstehen und über ein ausgeprägtes Gespür für die jeweils typischen Kommunikationsmuster und -techniken verfügen. Von ganz entscheidender Bedeutung ist ferner eine überdurchschnittlich gute Beherrschung der eigenen Muttersprache, da in der Regel in die Muttersprache übersetzt wird. Daneben ist natürlich je nach Fachgebiet weiteres sachbezogenes, auch landes- oder sprachspezifisches Fachwissen sowie Wissen über die jeweiligen Textsorten unerlässlich (Quelle: Wikipedia über den Übersetzer).

1 Kommentar zu „Wie wichtig ist Recherche für eine gute Übersetzung?“

  1. Recherche ist denk ich unabdinglich für eine gute Übersetzung. Es gibt ja bekanntlich viele Wörter die unterschiedliche Bedeutung je nach Inhalt und Konsens haben. Daher ist es sicher nicht schlecht ein wenig im Hintergrund zu forschen um was es eigentlich geht. Damit muss ich mich Gott sei Dank nicht auseinander setzen, dafür habe ich mein Übersetzungsbüro aus Wien 😉
    Lg, Michi

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